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Die Diskussion über Rente, länger Arbeiten, Eigenvorsorge und die Rolle von Aktien fällt in eine Zeit, in der nahezu alle sozialen Sicherungssysteme unter Druck stehen. Die gesetzliche Rente, die Pflege- und Krankenkassen verzeichnen strukturelle Defizite, während die Politik gleichzeitig versucht, die Schuldenbremse einzuhalten und steigende Ausgaben zu bewältigen. Die demografische Entwicklung verschärft die Lage: Immer weniger Erwerbstätige finanzieren immer mehr Rentnerinnen und Rentner. Destatis weist seit Jahren auf die sinkende Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter hin, während die Zahl der Ruheständler wächst. Altersarmut trifft vor allem Frauen.

Parallel dazu steigt die Zahl der Menschen, die gar nicht mehr arbeiten müssen, weil sie von Vermögenserträgen leben. Fratzscher (DIW) beschreibt diese Entwicklung als „Weg in die Gesellschaft der Privatiers“ und betont, dass inzwischen über 800.000 Menschen allein von Kapitalerträgen leben. Für die Betroffenen ist das ein Segen, gesellschaftlich jedoch problematisch: Produktive Arbeitskraft geht verloren, Vermögen konzentriert sich weiter an der Spitze, politische Beeinflussung durch Kapital nimmt zu, und der Staat verliert Handlungsspielräume, weil hohe private Vermögen spiegelbildlich zu steigender Staatsverschuldung stehen.
Gleichzeitig zeigt die FAZ, dass Vermögensaufbau längst nicht mehr nur ein Privileg der Superreichen sein müsste. ETFs, niedrige Gebühren und Sparpläne ab 50 Euro im Monat ermöglichen breiten Zugang zu renditestarken Anlagen. Doch während 700.000 Deutsche mindestens eine Million Dollar Finanzvermögen besitzen und davon profitieren, bleiben rund 80 Prozent der Bevölkerung ohne Aktien oder Fonds oder Immobilien. Die Gründe reichen von Unsicherheit über fehlendes Wissen bis zu einer tief verwurzelten Staatshörigkeit. Viele Menschen vertrauen darauf, dass der Staat schon für sie sorgen werde, obwohl die Realität längst zeigt, dass die umlagefinanzierte Rente allein nicht mehr ausreicht. Gleichzeitig verlieren Hunderttausende Menschen ihre Industriearbeitsplätze, Energiepreise steigen, und die wirtschaftliche Basis Deutschlands „transformiert“ oder erodiert? In dieser Lage wäre Eigenvorsorge wichtiger denn je, doch gerade in Zeiten finanzieller Belastung beginnen die wenigsten mit dem Investieren.
Die politischen Antworten wirken halbherzig. Die Debatte über eine höhere Besteuerung Kinderloser mit 0,1 Prozent zeigt eher Symbolpolitik als strukturelle Reform. Das geplante Aktienvorsorgedepot ab 2027 soll die Aktienkultur stärken, bleibt aber mit zehn Euro pro Kind und Monat ein Tropfen auf den heißen Stein. Statt einfache, wirksame Maßnahmen wie eine deutliche Erhöhung des Sparerfreibetrags umzusetzen, setzt die Politik auf komplexe Produkte, die Banken und Versicherungen neue Einnahmen sichern, aber kaum Vertrauen schaffen. Gleichzeitig bleibt die zentrale Frage ungelöst: Wie lässt sich ein Rentensystem stabilisieren, das auf einer Bevölkerungsstruktur basiert, die es nicht mehr gibt?
Der Kern des Problems ist ein Dreiklang aus Demografie, Vermögensungleichheit und fehlender finanzieller Bildung. Während die Politik auf Zeit spielt, warten viele Menschen auf staatliche Lösungen, obwohl klar ist, dass die Systeme ohne private Vorsorge nicht tragfähig bleiben. Die einen fordern eine stärkere Besteuerung großer Vermögen, um Zukunftsinvestitionen zu finanzieren. Die anderen betonen die Eigenverantwortung und Mehrarbeit sowie die Chancen des Kapitalmarkts. Beide Perspektiven haben valide Punkte, doch gemeinsam zeigen sie: Sie braucht ein neues Gleichgewicht, das Sicherheit bietet, ohne Abhängigkeit zu erzeugen, und Chancen eröffnet, ohne Menschen zu überfordern.
Über ein Thema sprechen aber nur Wissenschaftler, die Erbschaftssteuer. Es ist ein Thema für Prof. Jutta Allmendinger und Marc Buggeln. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin und Historiker des modernen Europas. Seine Analyse in „Die Besteuerung der Reichen“ zeigt: Deutschland hat eine der höchsten Vermögensungleichheiten weltweit, während Erbschaften kaum besteuert werden – besonders große Unternehmensvermögen. Von 2009 bis 2020 wurden 429 Milliarden Euro aufgrund der Unternehmensprivilegien steuerfrei gestellt. Dadurch entsteht eine Rentiersgesellschaft, in der Vermögen statt Arbeit über Lebenswege entscheidet. Historisch wurden große Vermögen in vielen Ländern deutlich stärker besteuert, um Staat und Sozialstaat zu finanzieren. Ohne eine wirksame Vermögens‑ oder Erbschaftsteuer fehlen uns strukturell die Einnahmen, um Renten, Infrastruktur und Daseinsvorsorge nachhaltig zu sichern. (Die Geschichte startet 1873 bei Bismark)
Für unseren Lunchtalk ergibt sich daraus ein spannender Spannungsbogen zwischen Sicherheit und Unsicherheit, zwischen staatlicher Verantwortung und individueller Vorsorge, zwischen gesellschaftlicher Gerechtigkeit und persönlicher Freiheit. Die zentrale Frage lautet nicht mehr, ob wir das System verändern müssen, sondern wie schnell wir es schaffen, die Menschen mitzunehmen – emotional, finanziell und politisch.
Wollt ihr mitdiskutieren? Ich konnte Sabine Röltgen gewinnen dabei zu sein – sie ist eine Finanzexpertin und Aktiencoach.
Wir freuen uns auf Euch
Claudia + Sabine
